Dachwerk der Schüttbauten in Öttershausen

Bilder und Text: Reinhard Mast

Neben den Gewölben ist das Dachwerk der Öttershausener Getreidespeicher der bedeutendste denkmalbegründende Bestandteil. Die Dachwerke aller drei Schüttbauten waren jeweils unterschiedlich konstruiert. Es mutet so an, als ob der Architekt Balthasar Neumann verschiedene Dachwerkskonstruktionen hat ausprobieren wollen. Da der vordere Schüttbau, das ehemalige Schloss, nicht mehr vorhanden ist, soll vor allem auf das Dachwerk der beiden noch stehenden Gebäudeteile eingegangen werden.

Alle drei Dachwerke waren auf Kniestöcken aufgebaut und freitragend gestaltet. Das bedeutet, dass sie ohne waagerechte Zerrbalken auskamen. Diese Zerrbalken sind normalerweise erforderlich um die seitlichen Schubkräfte der Sparren aufzunehmen. Die freitragende Bauweise ermögliche, dass auch auf dem Dachboden große Mengen Getreide aufgeschüttet werden konnten.

Tragende Bauteile eines historischen Dachwerks sind die sogenannten Binder. In der Barockzeit sind diese als sogenannte liegende Stühle ausgebildet.

Die Dachwerke in Öttershausen zeichneten sich dadurch aus, dass diese liegenden Stühle alle auf unterschiedliche Weise so ausgestaltet waren, dass sie sich selbst ohne waagerechte Zerrbalken tragen konnten.

Während im vorderen Schüttbau, dem ehemaligen Schloss, auf beiden Seiten jeweils zwei aussteifende Kopfbänder auf die Stuhlsäulen aufgeschraubt worden waren , die verhinderten, dass der Schub das Dachwerk nach außen drückte, wurde im unteren Schüttbau, dem heute noch bestehenden Neubau Balthasar Neumanns eine andere Konstruktion gewählt. Dort wurde ein großes Hängewerk eingebaut. In jedem zweiten Binder sind Hängesäulen vorhanden. Diese sind zugsicher im Dachwerk aufgehängt und haben ein mit Riegel befestigtes Eisen, an dem die gesamte Kehlbalkenlage durch einen Unterzug angehängt war. Das Dachwerk trug sich so selbst.

Foto und Beschriftung: Reinhard Mast

Über dem oberen Schüttbau, dem sogenannten „Winkelbau“ wurde wieder eine andere Konstruktion gewählt. Massive beidseits auf die Binder aufgeschraubte Zangen, sogenannte Kreuzstreben, verstreben die Binder so, dass die Horizontalkräfte aufgenommen werden könnten.

Kulminationspunkt des Dachwerkes war der Eckbereich im Winkelbau. Hier spannte ein wie beschrieben mittels Zangen ausgesteifter Binder freitragend über das gesamte Eck. Zur Unterstützung war hier noch zusätzlich eine Hängesäule eingebaut. Drei Binder liefen in diesem Bereich zusammen.

Alle Konstruktionen verwendeten eiserne sogenannte „Schraubnägel“ mit Gewinden und Muttern, durch die eine besonders zugfeste Verbindung hergestellt werden konnte. Diese Bautechnik ist auch in anderen Neumann Dachtragwerken, welche freitragend ausgeführt sind, wie zum Beispiel in der Pfarrkirche Gaibach oder der Wallfahrtskirche Maria Limbach, anzutreffen.

Die Öttershausener Schraubnägel wurden von dem Azhausener Hammerschmid Peter Reithsamer geliefert, (vgl. Staatsarchiv Würzburg, Schönbornarchiv Gaibacher Amtsrechnungen 1746 Belege Nr 48).

Die Kopfbänder, und Zangen waren zusätzlich mit innenliegenden Blattverbindungen so mit den Stuhlsäulen verbunden, dass keine Verschiebung erfolgen konnte.

Man darf annehmen, dass die im Winkelbau angewendete Dachwerkskonstruktion als die Erfolgreichste angesehen wurde. Denn sie wurde , ins Monumentale gesteigert, beim Umbau des Schlosses in Frankenwinheim zu einem Schüttbau, welcher unmittelbar nach dem Öttershausener Bau fertig gestellt wurde, erneut angewendet.

Für die Ausführung der Dachtragwerke des unteren und des oberen Schüttbaus zeichnete der würzburger Hofzimmermeister Johann Leonhard Greissing, der Sohn des ehemaligen würzburger Hofbaumeisteres Josef Greissing, verantwortlich.

Johann Leonhard Greissing hatte im Amt Gaibach unterschiedliche weitere Aufgaben, wie zum Beispiel den Glockenstuhl der Gaibacher Kirche, Wasserbauarbeiten (Pfähle für den neuen Wasserbau) an der Stettenmühle (Staatsarchiv Würzburg, Schönbornarchiv Gaibacher Amtsrechnungen Belege 1745, Blatt Nr. 41) und, wie bereits erwähnt, den Dachstuhl des zum Schüttbau umgebauten Schlosses zu Frankenwinheim (Staatarchiv Würzburg , Schönbornarchiv Gaibacher Amstrechnungen 1747, Blatt 117).

Greising erhielt für den Dachstuhl über dem unteren Öttershausener Schüttbau 300 Reichstahler (vgl. Staatarch Würzburg, Schönbornarchiv Gaibacher Amtsrechnungen Belege 1746, Blatt Nr 36) und für das Dachtragwerk über dem Winkelbau 250 fl. (=Gulden) (vgl. Staatsarchiv Würzburg, Schönbornarchiv Gaibacher Amsterchnungen Belege 1747, Blatt Nr 53).

Die Dachtragwerke sind aus Nadelholz errichtet. Nur die äußeren Mauerlatten, die sogenannten Gesimsbalken, sind aus Eichenholz hergestellt. Dies gilt auch für die Hängesäulen.

Foto und Beschriftung: Reinhard Mast

Das Holz ist größtenteils Floßholz. Es wurde von Leonhard Greissing „zu Cronach und Stammheimb erkauft(en)“ und auf den Zimmerplatz „zu dem herrschaftlichen Bauweßen zu Ettershausen frey geliefert(en)“ (vgl. Staatsarchiv Würzburg, Schönbornarchiv, Gaibacher Amtsrechnungen 1746, Belege Blatt Nr 30) . Man darf also davon ausgehen, dass das Holz zumindest größtenteils aus dem Frankenwald kommt.

Noch immer kann man an zahlreichen Stellen im Dachstuhl erkennen dass es sich um Floßholz handelte. Die Balken wurden mittels sogenannten Wieden, speziellen Tauen aus frischem Holz zusammengebunden uns so auf dem Main geflößt. Dafür wurden in die Balken Löcher, sogenannte Wiedlöcher gebohrt, durch die die Wieden hindurch gezogen wurden.

Am Zimmerplatz angekommen, begann das Zurichten und der Abbund. Der Dachstuhl wurde also zunächst auf dem Abbundplatz aufgerichtet. Dann wurde jedes Holz mit sogenannten Abbundzeichen versehen, die die genaue Stelle des Holzes markierten, an welches es dann bei der endgültigen Montage auf dem Dach zu setzen war. Anschließend wurde der vorläufig errichtete Dachstuhl wider zerlegt und anschließend an seiner endgültigen Stelle neu errichtet. Die Abbundzeichen sind an zahlreichen Stellen im Dach zu sehen. Über die Jahrhunderte waren diese Zeichen unterschiedlich gestaltet. Diejenigen im Fähnchenform, welche in Öttershausen anzutreffen sind, entsprechen dem zur Bauzeit üblichen Schema.

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